© Peter Szyszka

Klartext: Bauern ohne Beziehungskapital

Mit dem Trecker nach Berlin – reicht das?

Vor 200 Jahren war Deutschland ein Agrarland. Die Sense, ein wesentliches Handwerkszeug zeitgenössischer Landwirtschaft, war – umgeschmiedet zur Kampfsense – Symbol von Badischer Revolution und nationaler Freiheitsbewegung 1847/48: eine Zeit, in welche die Anfänge der Industriealisierung fallen. 150 Jahre später ist noch jeder zwölfte Arbeitsplatz in der Landwirtschaft und diese damit fest im Leben und Erleben der Bevölkerung verankert. „Schwerter zu Pflugscharen“ war der an die Bibel angelehnte Slogan der staatsunabhängiger Abrüstungsbewegung in der ehemaligen DDR, den Teile der bundesdeutschen Friedensbewegung übernahmen: der Pflug als Symbol dessen, was die Gesellschaft nährt und nicht zerstört, Landwirtschaft wie selbstverständlich präsent.
Knapp ein halbes Jahrhundert später ist dies alles anders. Landwirtschaft kommt in großen Teilen der Bevölkerung kaum noch vor. Ja, sie ist da: Straßen führen nach wie vor durch Felder. Themen wie „Dürre in der Landwirtschaft“, „Nitratbelastungen des Grundwassers durch Gülle“, grüne Gentechnik oder der Einsatz des umstrittenen Pflanzenschutzmittels Glyphosat machen Landwirtschaft in öffentlicher Kommunikation und Medienberichterstattung präsent – in aller Regel negativ. 2016 arbeiteten aber bereits weniger als 600.000 Erwerbstätige in Deutschlands Landwirtschaft: geraden noch 0,7 Prozent der Bevölkerung – mit abnehmender Tendenz. Die Wahrscheinlichkeit, Menschen aus der Landwirtschaft zu kennen, ihnen regelmäßig zu begegnen und über ein Bewusstsein für die Belange der Landwirtschaft zu verfügen, hat also drastisch abgenommen. „Ferien auf dem Bauernhof“ gelten als alternative Urlaubsform – für die, die es mögen; Biofleisch direkt vom Erzeuger leisten sich die, die es sich leisten können oder im ländlichen Raum noch Zugang haben. Die Selbstverständlichkeit der Präsenz der Landwirtschaft ist passé. Drastisch zugenommen haben hingegen Negativ-Berichterstattung und öffentliche Skandalisierung, wie die vorstehende, unvollständige Liste der Beispiele zeigt: eine Kluft.
Was hat die Landwirtschaft gegen diesen schwindenden Bedeutungsverlust im Bewusstsein der Bevölkerung, ihre zunehmende Nicht-Präsenz, getan? Auf der politischen Lobbyebene sind Bauern- und Landwirtschaftsverbände höchst aktiv, wie die Medienberichterstattung öffentlich ausweist. Das Landwirtschafts- und Verbraucherministerium wird ein Lied davon singen können. Dies darf aber nicht davon ablenken, dass die eigentlichen Themen, Anliegen und Belange der Landwirtschaft im Bewusstsein der Bevölkerung längst nicht mehr vorkommen, weil echte Berührungspunkte fehlen, und es die Branche versäumt hat, neue zu schaffen, welche Menschen für sie interessieren, einnehmen und mitnehmen. Es tönt meist nur noch öffentliche Skandalisierung, wenn Landwirtschaft thematisiert wird. Landwirtschaft hat einfach kein Beziehungskapital mehr, weil direkte Beziehungen fehlen, Medienvermittlung dominiert, skandalisiert und Meinung bildet – wenn überhaupt – und keine neuen Beziehungen aufgebaut wurden. Man hat sich auf die Politik verlassen, statt die Basis mitzunehmen. Fatal: Ohne Beziehungskapital fehlt der Landwirtschaft heute der Rückhalt in der Bevölkerung, um Verständnis und Unterstützung für ihre Themen zu finden. Um keinen falschen Eindruck zu vermitteln: Dies ist kein Medienproblem. Hier haben ihre Verbände schlicht die Zeichen der Zeit übersehen, versagt oder aufs falsche Pferd gesetzt – der Status quo jedenfalls ist erbärmlich.
Ernährung und Landwirtschaft sind eigentlich Grundpfeiler einer Gesellschaft. Welthandel und Marktwirtschaft hin oder her: Das Vermögen zur Selbstversorgung spielt eine wesentliche Rolle. Ein von Aldi bis Edeka als Diskountern getriebener Lebensmittelhandel in Deutschland hat ‚nachhaltig‘ dafür gesorgt, dass Niedrigpreis und nicht Qualität und nahräumliche Verfügbarkeit den Lebensmittelmarkt bestimmt. Es geht nicht mehr um faire Erzeugerpreise und gesunde Qualität, es geht um Preis-Mengen-Verhältnisse, welcher der Industrialisierung der Landwirtschaft mit allen ihren Folgen Vorschub zu leisten. Den Verbraucher hier politisch für sein Konsumverhalten zu beschimpfen, ist einfach: Verbraucher sind nicht wirklich organisiert, ihre Stimmen verbleiben Einzelstimmen. Tatsächlich sind es die Regeln der Discounter, die Erzeugerpreise bestimmen und die Möglichkeiten von Verbraucherverhalten zunehmend uniformieren.
Die Landwirtschaft hat es versäumt, hier dagegen zu halten, die Menschen als Verbraucher, ihren Unterstützer und Fürsprecher, ihre Hauptzielgruppe ‚mitzunehmen‘, um ihre Rolle in der Gesellschaft zu behaupten. Aus einer einmal selbstverständlichen Allianz sind Fremde geworden, weil das Bewusstsein für die besondere Rolle der Landwirtschaft in der Gesellschaft und des Menschen als Partner der Landwirtschaft verloren gegangen ist. Hier wäre der eigentliche Ansatzpunkt für Bauern- und Landwirtschaftsverbände: Bewusstsein und Unterstützung für diese – eigentlich – nach wie vor bestehende Rolle und damit notwendiges Beziehungskapital zurückzugewinnen und Öffentlichkeit für gemeinsame Belange zu mobilisieren, statt mit Treckern zum Reichstag zu fahren. Hierfür bräuchte es kluge Strategien. Dafür müsste allerdings ein neuer Ansatzpunkt gewählt werden: Statt die besondere Rolle zu betonen, sollte sich Landwirtschaft als Teil der Gesellschaft verstehen und und ihr Verhalten auch hieran auszurichten.(ein Michelsen-Schüler)

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